Biokraftstoffe – falsche Propheten
verunsichern die Politik
(von Dr. Peter Schum, Präsident BBK e.V.
Erkner)
Noch vor einem Jahr waren Biokraftstoffe in
Deutschland und Europa bei den Medien und der Politik mehr als beliebt.
Die nachgewiesenen positiven Eigenschaften für das Klima und den
Ressourcenschutz machten die Biokraftstoffe zu den liebsten Kindern
jeder wirtschaftspolitischen Diskussion in Europa. Unter deutscher
Federführung wurde noch vor einem Jahr in den klimapolitischen
Richtlinien der EU die Einführung einer Quote von 10 %
Biokraftstoffanteil bis 2020 als Zielvorgabe definiert. Jedem EU-Land
wurde freigestellt, diese Ziele entweder durch steuerliche
Begünstigungen oder durch Zwangsbeimischungsverpflichtungen zu
erreichen.
Heute – ein Jahr später – sind die deutschen und
zwischenzeitlich auch die europäischen Medien voll von solchen Aussagen,
wie:
Ø
Biokraftstoffe verteuern die Nahrungsmittel,
Ø Biokraftstoffe zerstören Regenwälder,
Ø Biokraftstoffe – ein Irrweg?
Ø wo verschwinden unsere Steuergelder?
Ø usw.
Zahlreiche
selbsternannte Propheten ohne nachweisliche Erfahrung in diesem Bereich
melden sich täglich zu Wort und heizen die Diskussion an. So werden
dieses Jahr bei dem 24-h-Rennen auf dem Nürburgring – veranstaltet durch
den ADAC – nicht einmal mehr Bioethanol-betriebene Rennwagen
zugelassen. Wie konnte dieses geschehen? Was ist dran an diesen Attacken
gegen die Biokraftstoffe? Wodurch wurde diese Diskussion ausgelöst?
Nachfolgend
soll versucht werden, dringend benötigte Antworten auf diese Fragen zu
finden und die Thematik einfach und verständlich darzustellen, damit
sich auch jeder Nichtfachmann seine eigene Meinung bilden kann.
1. Preisanstieg bei Nahrungsmitteln und
Getreide
In den letzten 8 Monaten haben sich die
Weltgetreidepreise nahezu verdoppelt – Ölpflanzensaaten ebenso.
Gleichzeitig verteuerten sich die Nahrungsmittel weltweit. Auf der Suche
nach Gründen für diese sich langfristig schon abzeichnende Entwicklung
wurden schnell die Biokraftstoffe an erster Stelle vermutet. Diese
Weissagungen wurden vor allem von Propheten geäußert, die wenig
Kompetenz in Sachen Nahrungsmittel- und Rohstoffwirtschaft aufweisen. Da
die Rohstoffe zur Biokraftstoffgewinnung aus den gleichen Quellen wie
unsere Nahrungsmittel stammen, liegt auf den ersten Blick die Vermutung
nahe, dass alle Biokraftstoffe Konkurrenten der Nahrungsmittel sein
müssen. Die Propheten hatten es leicht. Was auf den ersten Blick logisch
erscheint, stellt sich bei näherer Betrachtungsweise jedoch als
grundlegend falsch für europäische Biokraftstoffe heraus!
Warum?
Der Weltgetreidepreis
lag 1980 auf dem gleichen Niveau wie heute. Das bedeutet, Getreide
kostet heute genauso viel, wie vor 25 Jahren. Warum?
Ausgelöst
wurde diese Entwicklung durch eine damalige bis Ende der 90-iger Jahre
andauernde falsche Agrarsubventionspolitik der EU und der USA, die ihren
Bauern Direktzahlungen und Mindestpreise garantierten, womit große
Mengen Überschussgetreide mit Exportsubventionen billig auf dem
Weltmarkt angeboten wurden. Durch Dumping-Angebote der EU und USA sanken
die Weltmarktpreise im Sturzflug und blieben die letzten 20 Jahre auf
einem Niedrigststand.
Die Hauptleidtragenden waren die
Entwicklungsländer mit Millionen von Kleinbauern. Neben einer
Eigenversorgung konnten die Kleinbauern aufgrund der niedrigen
Getreidepreise keine auskömmlichen Verkaufserlöse für ihre Produkte
erzielen. Damit war es Ihnen nicht möglich, die Schulbildung ihrer
Kinder und den sonstigen Lebensunterhalt zu finanzieren, was eine große
Welle an Landflucht in Afrika, Asien und Südamerika auslöste. In vielen
Regionen Afrikas war in den 90-iger Jahren der Transport eines Sackes
Getreide zur nächsten größeren Stadt oder Hafen teurer, als das Getreide
selbst.
Noch vor 10 Jahren klagten die Minister der
Entwicklungsländer auf allen internationalen
Agrarministerratskonferenzen immer wieder die EU und die USA an und
forderten die Agrarsubventionspolitik zu ändern, die Beihilfen zu
reduzieren und die Märkte auch für die Agrarrohstoffe der 3. Welt zu
öffnen. Die Agrarüberschussproduktion der EU und der USA, gekennzeichnet
durch Überschüsse und Billigexporte, führte zur Politik der
Flächenstilllegung. Um die Überproduktion einzudämmen, mussten 5 – 10 %
der EU-Agrarflächen stillgelegt werden.
Vor ca. 5 Jahren
beschloss die EU-Kommission endlich, die Fehlentwicklungen ihrer
Agrarpolitik zu stoppen und die Agrarsubventionen zu korrigieren.
Mindestpreise wurden abgeschafft und stillgelegte Agrarflächen wurden
zur Energieproduktion genutzt. Gleichzeitig nahm das Wirtschaftswachstum
in China und Indien um jährlich 10 % zu. Mit dem wachsenden Wohlstand
veränderten sich die Essgewohnheiten – weg von Reis/ Getreide und Gemüse
hin zu mehr Milch, Käse, Joghurt, Eiern und Fleischprodukten. Um 1 kg
Fleisch oder Milchäquivalent zu produzieren, werden 6 – 8 kg Getreide
und ca. 1 kg Soja- oder 1,5 kg Rapsschrot als Eiweißfuttermittel für
Rinder, Hühner und Schweine benötigt.
Es war also nur eine Frage
der Zeit, wann die Getreidepreise sich wieder dem Markt anpassten. Genau
das ist ab dem Jahre 2007 geschehen, unterstützt durch Missernten, die
durch den Klimawandel weltweit zunehmen und 2006 den großen
Getreide-Nettoexporteur Australien trafen. Weltweit fehlten 2007
erhebliche Getreidemengen, um den steigenden Milch- und Fleischkonsum
vor allem in Südostasien zu decken. Die Folge waren große Preissprünge
bei Getreide und Ölsaaten. Heute haben wir wieder Getreidepreise wie
1980. Angebot und Nachfrage haben sich eingependelt und faire Preise
geben auch Millionen von Kleinbauern weltweit eine Chance, ihr jahrelang
nicht bearbeitetes Land wieder zu bewirtschaften und ihre Familien zu
ernähren. Noch heute ist 25 % der Weltackerfläche nicht bewirtschaftet.
2. Einfluss der Biokraftstoffe auf steigende
Nahrungsmittelpreise
Derzeitig werden von der weltweiten
Biomasseproduktion lediglich ca. 1,9 % für die energetische Verwertung
genutzt! Davon beträgt der Anteil an Biokraftstoffen ca. 50 % d.h. 0,95
%. Somit ist der Anteil von Biodiesel, Pflanzenöl, Agraralkohol und
Biogas an der Weltbiomasseproduktion unter 1 %. Diese verschwindend
geringe Menge von unter 1% soll nach Verlautbarung unserer falschen
Propheten die Ursache dafür sein, dass es den Ärmsten der Armen
schlechter geht und die Welternährung in Gefahr ist! Allein diese
Prozentzahl müsste diesen falschen Propheten sofort Einhalt gebieten.
Bei
einer Differenzierung am Beispiel Biodiesel/ Pflanzenöl wird die Sache
noch deutlicher:
Die Welteiweißproduktion zur Versorgung unserer
Kühe zur Milchproduktion sowie unserer Hühner und Schweine zur Eier- und
Fleischproduktion wird zu ca. 70 % weltweit durch Sojabohnen gedeckt.
In Europa und vor allem in Deutschland, wo noch 1980 ca. 90 % aller
Eiweißfuttermittel aus Südamerika importiert wurden, hat
zwischenzeitlich Raps seit den 80-iger Jahren einen großen Anteil der
Eiweißfuttermittelversorgung übernommen. Rapssaaten werden zu 2/3 zu
Eiweißfuttermitteln verarbeitet und Soja zu 4/5.
Die Ausbeute von
Pflanzenöl beträgt bei Rapssaaten nur 1/3 und bei Sojasaat sogar nur
1/5 der gesamten Saatmenge, wobei lediglich ca. 30 % der anfallenden
Menge in der Nahrungsmittelproduktion (Salatöl, Margarine, Beiprodukte
etc.) verarbeitet werden kann. Die restlichen 70 % finden keinen Absatz
in der Lebensmittelindustrie und stellen einen Überschuss dar. Dieser
ständig steigende Überschuss an Pflanzenöl aufgrund des verstärkten
Anbaues von eiweißhaltigen Pflanzen infolge des täglich steigenden
Eiweißfutterbedarfes in China und Indien muss also im Non-Food-Bereich
abgesetzt oder als Abfall vernichtet werden.
Nur durch den neuen
Absatzweg „Biokraftstoff“ wurde in Deutschland und Europa in den letzten
10 Jahren auch der Aufbau einer nennenswerten
Eiweißfuttermittelproduktion möglich. Deutschlands Politiker haben
bereits in den 90-iger Jahren mit der steuerlichen Begünstigung von
Biodiesel und Pflanzenöl diesen sinnvollen Absatzweg zur Produktion von
Biokraftstoffen (Biodiesel, Pflanzenöl) als Dieselersatz ermöglicht und
weltweit haben hunderte Volkswirtschaften dieses nach dem Vorbild
Deutschlands kopiert. Heute werden in Deutschland über 50 % der
Eiweißfuttermittel zur Milch- und Fleischproduktion hauptsächlich auf
der Basis Raps im eigenen Lande produziert. Einheimische
Eiweißfuttermittel sind günstiger als Importe wie Soja- und
Palmkerneiweißfuttermittel aus Südamerika. Sie sind auch bezüglich des
ökologischen und nachhaltigen Anbaues besser kontrollierbar und sichern
die hart umkämpfte aber wichtigste Eiweiß-Ressource Deutschlands.
Auf
den Punkt gebracht, fördert der Überschuss-Pflanzenölabsatz im
Biokraftstoffmarkt Biodiesel und Pflanzenöl in Deutschland seit mehr als
10 Jahren die preisgünstige Produktion von Milch, Eiern und
Fleischprodukten. Für das Überschussprodukt Pflanzenöl wurde ein
einheimischer Absatzmarkt geschaffen. Dieser wurde mit dem Inkrafttreten
des Energiesteuergesetzes zum 1.8.2006 durch die Einführung
stufenweiser Fixsteuern auf Biodiesel und Pflanzenöl bis heute leider
zum größten Teil wieder zerstört.
3. Einfluss der deutschen
Biokraftstoffbesteuerung und seine Folgen
Die bis dahin
vorbildlich aufgebaute Biodiesel- und Pflanzenölproduktionswirtschaft
mit einer Kapazität von ca. 5 Mio t/a – dieses entspricht ca. 18 % des
gesamten deutschen Dieselverbrauches – brach damit 2007/2008 nahezu
vollständig zusammen. Die deutsche Eigenproduktion von Reinbiodiesel und
Pflanzenöl ist heute bis auf ca. 25 % der Kapazität reduziert, da durch
die Besteuerung von Biodiesel und Pflanzenöl kaum noch
Reinbiokraftstoffe in deutschen LKW eingesetzt werden. Heute tanken mehr
als 3 Mio deutsche Biodiesel-LKWs täglich im grenznahen Ausland und die
Biodiesel- und Pflanzenölproduzenten verlagern ihre Jobs und Anlagen in
das Ausland. Ein fataler Fehler, dessen Korrektur von allen Parteien
bereits seit Monaten angekündigt wurde und durch die laufende
Biokraftstoffdiskussion „Table oder Tank“, geschürt von falschen
Propheten, ins Stocken gerät. Somit wird die Fehlerkorrektur des
„Energiesteuergesetzes“ durch die falschen Propheten erschwert und die
unsachlichen Diskussionen „Table oder Tank“ verhindern die Verwertung
von überschüssigem Pflanzenöl in Deutschland.
4. Reinbiokraftstoffpolitik
Auch
die aktuelle Zwangsbiokraftstoff-Beimischungspolitik der
Bundesregierung, die den Schwerpunkt Reinbiokraftstoffe (Biodiesel B
100, Pflanzenöl, E 85) wegrückte und die Mischkraftstoffe in den
Vordergrund stellte, gibt den Diskussionen zu „Table oder Tank“ Nahrung.
Während Reinbiokraftstoffe vorwiegend „Regionalkraftstoffe“ mit
einheimischem Rohstoffbezug sind, sind Mischkraftstoffe mit 5 – 10 %
biogenen Anteilen leicht durch Importe von Pflanzenöl, auch aus
ökologisch schlecht kontrollierbaren Überseeregionen, herzustellen.
Mischkraftstoffe mit geringen biogenen Anteilen heizen dadurch die
derzeitigen Nachhaltigkeitsdiskussionen an und machen es den falschen
Propheten leicht, mit Bildern aus Indonesien und Brasilien aufzuwarten,
in denen Raubbau an der Natur betrieben wird. Dass Biokraftstoffe nie
der Grund für Urwaldrodungen sind – sondern die Tropenholzgewinnung –
wird in diesem Zusammenhang immer verschwiegen.
Eine
Reinbiokraftstoffpolitik mit B 100, Pflanzenöl und E 85 als Schwerpunkt
würde dazu führen, dass hauptsächlich überschüssiges Pflanzenöl aus der
regionalen Eiweißfuttermittelproduktion zur Herstellung von
Reinbiodiesel- und Pflanzenölprodukten für die Mobilität und Verstromung
genutzt wird. Bei dem Einsatz von Reinbiokraftstoffen im
Mobilitätsbereich wird die Verwendung von Palmöl aus technischen Gründen
von vornherein ausgeschlossen, da das mitteleuropäische Klima dafür
völlig ungeeignet ist. Ökologische Probleme der Tropen haben also wenig
mit europäischen Reinbiokraftstoffen zu tun. Auch die konsequente
Verwendung überschüssiger europäischer Zuckerrüben sowie die
Verarbeitung von Schadgetreide zu Ethanol stellt für Deutschland eine
sinnvolle Verwertung dar.
Aus diesen Gründen ist die deutsche
Regierung gut beraten, die Beimischung von Biokraftstoffen zu
mineralölbasierten Kraftstoffen auf 5 % pro Jahr zu belassen und den
Anteil alternativer Kraftstoffe durch eine intelligente
Reinbiokraftstoff-Steuerpolitik sicher zu stellen, die eine steuerliche
Besserstellung von Reinbiokraftstoffen langfristig garantiert. Das von
Deutschland einzuhaltende EU-Ziel, bis 2020 den Anteil an
Biokraftstoffen auf mindestens 10 % zu erhöhen, ist mit dem Einsatz von 5
% Reinbiokraftstoffen und einer 5 %-igen Beimischungspflicht leicht zu
erreichen. Dieser Anteil kann sogar noch erheblich übertroffen werden,
wenn die Biokraftstoffe der 2. Generation in wenigen Jahren technisch
ausgereift sind und dann dazukommen. Insbesondere betrifft das die
Erzeugung von Biokraftstoffen aus Abfall- und Sekundärrohstoffen.
Es sollten alle selbsternannten Propheten wissen, dass es die
Biokraftstoffe der 1. Generation als Koppel- oder Nebenprodukte der
Nahrungsmittelproduktion so lange geben wird, wie Nahrungsmittel
produziert werden, also immer! Die Weltgetreide- und
Ölpflanzenproduktion wird sich in den nächsten Jahren noch erheblich
durch die verstärkte Nachfrage nach Milch- und Fleischerzeugnissen,
getrieben durch China und Indien, ausweiten. Damit fallen die Koppel-
und Nebenproduktbiomassen – als Basis für die 1. Biokraftstoffgeneration
– automatisch mit an. Es wäre unverantwortlich, diese Ressourcen im
eigenen Lande aufgrund von Fehleinschätzungen falscher Propheten nicht
zu nutzen.
Eine Absenkung der gesetzlich fixierten
Biokraftstoffquote in Deutschland (für Rein- und Mischkraftstoffe
zusammen) von derzeitig 6,25 % auf 5 % ist deshalb falsch und würde dazu
führen, dass unsere heimischen Rohstoffe, die ja sowieso vorhanden
sind, im Ausland zu Biokraftstoff verarbeitet werden. Vor dem
Hintergrund der aktuellen hohen Benzin- und Dieselpreise von mehr als
1,50 €/l in Deutschland ist die Nichtnutzung eigener Ressourcen für
Reinkraftstoffe von keinem Politiker gegenüber den Bürgern erklärbar und
verantwortbar.
Es wird wirklich Zeit, umgehend die gemachten
finanzpolitischen Fehler zu korrigieren und alle Biokraftstoffe (auch B
100 und Pflanzenöl) wie heute Bioethanol und Biogas langfristig
steuerlich besser zu stellen, um
Ø
den Wettbewerb an der Tankstelle durch das Angebot von
Reinbiokraftstoffen wieder anzukurbeln und dadurch
Ø günstige Spritpreise zu erhalten,
Ø aktiven Umweltschutz konsequent und
effektiv, wie noch vor einem Jahr, umzusetzen
und sich
nicht länger von falschen Propheten verunsichern zu lassen.
Quelle: Dr. Peter Schrum